Zwischen all den anderen Offensivspielern der französischen Nationalmannschaft muss sich Andre- Pierre Gignac fühlen wie ein Außerirdischer. Atletico Madrid, Bayern München, FC Arsenal und Manchester United heißen die Klubs seiner Mannschaftskameraden Antoine Griezmann, Kinglsey Coman, Olivier Giroud und Anthony Martial. Er selber schnürt die Schuhe für den mexikanischen Klub Tigres UANL, den so mancher Fußballfan erst einmal im Fußballlexikon nachschlagen muss.
So war die Verwunderung groß, als im EM-Kader der Franzosen Gignacs Name zu finden war, andere namhafte Top-Stürmer das langersehnte Turnier in der Heimat hingegen von der Couch werden verfolgen müssen. Weder Kevin Gameiro, mit acht Toren Garant für Sevillas Erfolg in der Europa League und Kandidat beim FC Barcelona, noch Alexandre Lacazette, einer der gefragtesten Angreifer auf dem Transfermarkt, wurden berücksichtigt. Nach seiner Ausbootung fehlt Frankreich zudem Karim Benzema, der laut Gignac "zusammen mit Luis Suarez die beste Nummer 9 der Welt" ist.
Eine Entscheidung, die der französische Nationaltrainer Didier Deschamps vor wenigen Jahren so nicht getroffen, ja sogar im Traum nicht für möglich gehalten hätte. Als Deschamps und Gignac vor sechs Jahren bei Olympique Marseille aufeinandertrafen, war das Verhältnis zwischen den beiden, milde ausgedrückt, kühl. 2011 wollte Deschamps den Stürmer unbedingt loswerden. In einem Telefongespräch, das später an die Öffentlichkeit gelangte, lästerte Deschamps mit seinem Agenten Jean-Pierre Bernes über den großgewachsenen Angreifer, der zu dieser Zeit von gegnerischen Anhängern oftmals mit dem Gesang "un Big Mac pour Gignac" verhöhnt wurde: "Gignac durch Gameiro zu ersetzen, kann in jedem Fall nur gut sein. Gignac kannst du vergessen. Wir werden ihn wie eine Bürde mit uns rumschleppen."
Fünf Jahre später sieht der Weltmeister von 1998 überraschenderweise lieber sein einstiges Sorgenkind im blauen Trikot der Grande Nation auflaufen. Es ist Liebe auf den zweiten Blick und ein Sinneswandel, dem Gignacs Wechsel nach Mexiko zu Grunde liegt. Letzten Sommer staunten nicht wenige Beobachter, als der ablösefreie Stürmer nach seinem dreijährigen Dienst bei Olympique Marseille verkündete, zu den Tigres aus der mexikanischen Stadt Monterrey zu wechseln.
Gignacs beeindruckender Werdegang in Mexiko
Nicht jeder konnte Gignacs Entscheidung nachvollziehen. Anstatt zu einem Top-Klub wie dem FC Arsenal oder FC Liverpool zu gehen, die ebenfalls an der Tür des Stürmers geklopft hatten, hätte er sich vom üppigen Gehalt jenseits des atlantischen Ozeans verführen lassen - so der Tenor zahlreicher Fans. Doch Gignac ließ sich nicht beirren und blieb seiner eigenen Aussage treu, etwas völlig Neues ausprobieren zu wollen. Lediglich ein Angebot von "Real Madrid, dem FC Bayern und dem FC Barcelona" hätte ihn umstimmen können, in Europa zu bleiben.
Ein knappes Jahr später lässt er seine Kritiker eindrucksvoll verstummen. Wer dachte, Gignac werde in der Versenkung verschwinden, muss sich nun eines Besseren belehren lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielern, die dem Lockruf des Geldes folgen und nie mehr ihren Leistungshöhepunkt erreichen, machte der 30-jährige Gignac bei den Tigres in seiner fußballerischen Entwicklung noch einmal einen deutlichen Schritt nach vorne.
Dabei sind es nicht alleine die vielen Tore, weswegen sein Werdegang in Mexiko derart hoch einzuschätzen ist. Ein eiskalter Vollstrecker war Gignac nämlich schon zu seiner Zeit bei Olympique Marseille und dem FC Toulouse, gewann 2009 sogar die Torjägerkanone in der Ligue 1. Es ist viel eher die beeindruckende Entwicklung von einem reinen Strafraumstürmer zu einer dynamischen Lokomotive, die unaufhaltsam an den gegnerischen Abwehrspielern vorbeiprescht. In Mexiko ist Gignac der große Star, die zentrale Figur, was sich auf seinen Spielstil ausgewirkt und ihn deutlich agiler, freier und unberechenbarer wirken lässt. Er erzielt Tore aus allen möglichen Lagen: Mit rechts, links oder dem Kopf, per Fallrückzieher, Volley oder aus der Distanz - das Repertoire des Stürmers ist deutlich gewachsen.
"Ich habe mich mit dem Rücken zum Tor deutlich verbessert", beschreibt Gignac seinen Entwicklungsfortschritt und nimmt nun öfter als früher auch die Rolle als Vorbereiter an. Erfolge verzeichnete Gignac jedoch nicht nur auf individueller Ebene. Nur wenige Monate nach Gignacs Ankunft in Mexiko erreichten die Tigres das Finale der Copa Libertadores, das südamerikanische Pendant zur Champions League. Zwar zogen die Mexikaner gegen den argentinischen Traditionsklub River Plate den Kürzeren, lange Zeit zum Trauern hatte Gignac dennoch nicht. Bereits im Dezember holte der Stürmer die Feierlichkeiten mit der ersten nationalen Meisterschaft auf mexikanischem Boden nach.
Zurück in Frankreichs Nationalelf
Doch nicht nur den heißblütigen Fans in Lateinamerika verdreht er seit einem Jahr den Kopf, auch 10.000 Kilometer weiter westlich wurden seine famosen Leistungen registriert. Nach einjähriger Abstinenz folgte im November prompt die Nominierung für die Equipe Tricolore zum denkwürdigen Länderspiel gegen Deutschland, das für immer mit den tragischen Attentaten in Paris in Verbindung gebracht werden wird. Gignacs Kopfballtor nach seiner Einwechslung zum 2:0-Endstand geriet aufgrund der traurigen Umstände zur Randnotiz und dennoch war das Spiel im Stade de France sowohl für Gignac als auch für Deschamps ein Schlüsselerlebnis.
In allen darauffolgenden Länderspielen wurde Gignac eingesetzt. Eine ähnlich dominante Rolle in der Nationalmannschaft spielte er zuletzt vor sechs Jahren, als er bei der WM in Südafrika in allen drei Partien zum Einsatz kam. Für ein europäisches Schwergewicht wie Frankreich ist es außergewöhnlich, dass ausgerechnet der Wechsel in die mexikanische Liga, der in Europa kaum Beachtung geschenkt wird, Gignac zurück ins Nationalteam beförderte. Im europäisch zentrierten Fußball ist sein Fall ein beeindruckendes Novum und trägt einen revolutionären Charakter in sich.
Zwar reicht es in der Sturmhierarchie der Equipe Tricolore hinter Olivier Giroud nur für den zweiten Platz, berechtige Hoffnungen auf viele Einsatzminuten bei der EM macht Gignac sich trotzdem. "Ich habe ein bisschen weniger Talent, aber spiele mit viel Herz", wagt Gignac den Vergleich mit seinem Konkurrenten vom FC Arsenal, dem er durch seine Physis und seinen kräftigen Körperbau ausgesprochen ähnlich sieht.
Kein Zufall, wird sich der ein oder andere denken. Tatsächlich setzt Deschamps in der Offensive neben den vielen schnellen Filigrantechnikern auf einen echten Sturmtank, der das Offensivspiel der Franzosen noch unberechenbarer und variabler macht. Wenn es in einer Partie spielerisch nicht laufen sollte, steht dem Trainer neben Giroud mit dem bulligen Mexikaner ein zweites Brecheisen zur Verfügung. Gignac wartet sehnsüchtig auf seine Chance und will vom einst verlachten Auswanderer zum gefeierten französischen Helden aufsteigen.
