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Dimitri Payets lange Reise: Endlich angekommen

Es war einer dieser Gänsehaut-Momente, die den Fußball so besonders machen. Dimitri Payet verließ den Rasen des Stade de France und 80.100 Menschen erhoben sich von ihren Sitzen. Es gab Standing Ovations, die Grande Nation feierte ihren neuen Helden. Der versuchte erst har nicht, die Tränen zurückzuhalten. Er war ergriffen von diesem Moment, den vor einem Jahr kaum jemand hatte kommen sehen. 

"Ich hatte so viel Stress und immer unendlichen Druck", sagte der Matchwinner. "Wenn mir jemand erzählt hätte, wie die Nacht heute verläuft, hätte ich es ihm nicht geglaubt. Alle Emotionen kamen nach diesem Tor hervor." Und das mit Recht. Denn noch im letzten Sommer war ungewiss, wen sich West Ham United da angelacht hatte. Es schien die letzte Chance für Payet zu sein, es doch noch auf die ganz große Bühne zu schaffen - ein Traum, der nun in Paris seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

15 Millionen Ablöse ließen sich die Hammers den Franzosen im vergangenen Jahr kosten. Wenig Geld, vergleicht man den Preis mit anderen Summen im aufgeblasenen englischen Transfermarkt. Bekommen hat man einen der feinsten Techniker der Welt. Einen Assist-König, den man jetzt mit Chelsea oder dem FC Barcelona in Verbindung bringt. Einen Mann für die besonderen Momente wie diesen. Bekommen hat man aber auch einen schwierigen Charakter, der es sich oft selbst schwer gemacht hat und erst jetzt, mit 29, sein volles Potenzial abruft. 

"Es ist das beste Alter für einen Fußballer", so Bilic. "Sie haben ihre Familien, sie sind klüger und können sich total auf den Fußball konzentrieren." Und genau das hat er lange nicht gemacht: sich auf den Fußball konzentriert. 


Analyse: Payet bringt Paris zum Beben


Bad Boy mit Weltklasse-Momenten

Von der Vulkaninsel Reunion stammend, gab es schon bei seiner ersten Station Le Havre Probleme. Er galt als Störenfried, war trainingsfaul und ein Hitzkopf. Deshalb baute Nantes 2005 auch eine Klausel in den Vertrag, nach der man Payet jederzeit feuern durfte, sollte er sich daneben benehmen.

Seine Karriere stand lange im Zeichen des Bad-Boy-Stempels. Er lieferte sich mit Nationalmannschaftskollege Blaise Matuidi während eines Ligaspiels fast eine Schlägerei, beleidigte Schiedsrichter und fehlte unentschuldigt beim Training. 

Auch deshalb wechselten sich bei seinen Leistungen bei St. Etienne (2007 bis 2011) und Lille (2011 bis 2013) Licht und Schatten ab. Brillanten Einzelaktionen, magischen Pässen und Traumtoren standen lustloses Geschiebe, schmollendes Traben und wütendes Gestikulieren gegenüber. 

Und dann kam Bielsa ...

Dass freilich deutlich öfter die Sonnenseite präsent war, lag schlicht und ergreifend an seiner Klasse. "An guten Tagen ist Dimitri einer der besten Spieler der Welt", sagte der damalige Lille-Trainer Rudi Garcia. 2011 folgte der Wechsel zu Olympique Marseille, wo er auf einen gewissen Argentinier namens Marcelo Alberto Bielsa traf.

Der als "Fußballprofessor" bekannte Taktik-Großmeister gilt als Exzentriker und kommt wohl auch deshalb bestens mit exzentrischen Kickern wie Payet aus. Er lenkte zunächst das von Tricks und Showeinlagen gelenkte Spiel in zielgerichtetere Bahnen. "Eine Show ist gut, eine Show, die zu Resultaten führt, ist besser", sagte er einmal und genau das machte er Payet klar.

Und dann zog er Payet, den personifizierten Flügelstürmer ins Zentrum und änderte somit das Spiel seines Teams komplett - und das Payets freilich auch. "Was er mir in nur einer Saison gegeben hat, wird mir für meine restliche Karriere auf und neben dem Platz immer hilfreich sein. Erst durch den Wechsel auf die Spielmacherposition verstand ich wirklich, was Konstanz bedeutet. Unter Bielsa wurde ich zu einem neuen Spieler", zeigte der sich mehr als dankbar.

GFX PayetGoal

Assist-Prinz und Massengünstling

15 Tore und 27 Vorlagen, davon 21 im zweiten Jahr, die ihn zu Europas Vorlagenkönig machten, lautete die Ausbeute auf der neuen Position - und Payet war plötzlich einer der gefragtesten Spieler überhaupt. Dass dennoch "nur" West Ham zuschlug und nicht einer Top-Klubs, ist kaum zu erklären. Höchstens mit der ihm immer noch anhaftenden Bad-Boy-Attitüde. 

Der Rest ist Geschichte: Payet verzauberte auch auf der Insel die Massen. 19 Scorer-Punkte sammelte er, zauberte Freistöße in Reihe in die Winkel der Tore des englischen Königreichs und schwang sich mit 111 Torschussvorlagen zum Assist-Prinzen hinter König Özil (142) auf. Und dann war da noch dieser Moment in Paris, als er die Fans und sich selbst mit dieser einen Aktion zum Weinen brachte. Selbstredend lieben ihn die Fans. Die von West Ham sowieso.

“We’ve got Payet, Dimitri Payet! I just don’t think you understand. He’s Super Slavs man, he’s better than Zidane. We’ve got Dimtri Payet!”, singen sie. Besser als Zidane ist Payet sicherlich nicht und auch seine Freistöße sind schon noch ein bisschen unter denen David Beckhams anzusiedeln, klar ist aber: So gut wie Payet ist derzeit kaum ein anderer - er kann diese EM prägen!

Tatsächlich Liebe? Tatsächlich Liebe!

2012 und 2014 nicht berücksichtigt, setzte er in Paris mit seiner späten Fackel zum Siegtor ein spätes Ausrufezeichen, das den Geist wecken könnte, der die großen Teams stark macht, sie zu Titeln führt. In Brasilien war es der "Geist von Bahia", in Frankreich könnte es für die Grande Nation genau der Spirit werden, den auch die Generation um Henry und Zidane 2000 groß machte - und Payets lange unglückliche Beziehung mit dem Nationalteam in eine flammende Liebesbeziehung verwandeln. 

Nachdem er 2010 debütierte, war er lange keine Option. Von einigen Spielen, immer wieder zwischendurch, abgesehen, war er zu unkonstant zu sehr mit einem Stigma versehen, um eine Rolle zu spielen. Erst im März 2016 kam er gegen die Niederlande zurück und zauberte gleich mal virtuos. Gegen Russland und Kamerun traf er und zwei Spiele später stand er in der Startelf Frankreichs beim Auftaktspiel der EM und schrieb Geschichte.

"Alle reden über Griezmann oder Martial, aber schaut euch Payet an", sagte Thierry Henry im französischen Fernsehen vor dem Turnier - und sollte zum Propheten werden: Denn klar, Griezmann ist einer der besten Spieler der Welt. Aber Dimitri Payet, der ins Premier-League-Team des Jahres gewählt wurde, ist es auch. Und er hat vor, das auch zu bleiben. Denn nach Jahren der Unruhe ist er endlich angekommen." Auf der ganz großen Bühne und bei der Version seiner selbst, die Magie auf den Rasen zaubert wie im EM-Auftaktspiel gegen Frankreich. 

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